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Huayhuash-Trek: Die vielleicht schönste Wanderung der Welt

Vor unserer Ankunft in Südamerika hatten wir noch nie etwas vom Huayhuash Trek (spricht man übrigens wie „why wash“ aus) gehört. In Patagonien wurden uns das erste Mal mit leuchtenden Augen davon erzählt. Als wir dann Bilder gesehen haben, war es eigentlich schon um uns geschehen. Nach ein paar Wochen in Peru hätten wir zwar nicht gedacht, dass es uns noch auf den Trek verschlägt. Aber mit den richtigen Leuten im Nacken, ging es am 28. Juni 2017 dann tatsächlich los.

Die Cordillera Huayhuash weist (außerhalb des Himalayas) die größte Dichte an 5.000m bis 6.000m hohen Bergen auf. Auch in den Tälern dazwischen sinkt die Höhe nie unter 3.000m. Lange Zeit galt das Gebiet als Rückzugsort für den „Leuchtenden Pfad“, eine peruanische Terrororganisation. Auch nach deren Ende gab es noch bis ins Jahr 2004 bewaffnete Überfälle auf Wanderer und Kletterer in der Region. Seitdem erheben die Bewohner der einsamen Region eine „Schutzgebühr“ bzw. Gebühren für die Campingplätze und es gab keine weiteren Überfälle. Für unsere Sicherheit war also gesorgt, einsame und einzigartige Natur war vorhanden, fehlten also nur noch wir und schon ging es los:

Huayhuash-Trek Tag 1: Pocpa bis Quartelhain

Um vier Uhr morgens quälen wir uns aus unserem warmen Hostelbett. Gut, dass wir am Abend zuvor schon alles bereit gelegt hatten, so können wir uns im Halbschlaf anziehen, Zähne putzen, die letzten Sachen zusammenpacken und schnell vor zur Straße laufen, wo wir keine zehn Minuten später eingesammelt werden. Schnell noch die verbleibenden drei Teilnehmer abgeholt und schon sind wir auf der langen Anfahrt zum Trailhead. Zwischen Müdigkeit und Aufregung vergehen die nächsten Stunden wie im Flug, irgendwo halten wir noch für ein peruanisches Frühstück, dann zahlen wir auch schon für den letzten (!) Campingplatz und werden anschließend am Wegesrand ausgespuckt.

Der erste Tag meint es gnädig mit uns. Die Sonne prasselt, der Weg ist eben und der Anstieg mild. Eine winzig kleine Vorahnung nur auf das was uns in den nächsten Tagen erwartet und für unseren Guide die perfekte Möglichkeit, unsere Kondition einzuschätzen. Fast kommt schon ein wenig Langeweile auf, da schieben sich rechts die ersten schneebedeckten Berggipfel in unser Sichtfeld. Denen wollen wir bald noch ein ganzes Stück näher kommen und so drehen sich unsere Gespräche immer wieder zwischen Aufregung und Vorfreude. Als wir am Camp ankommen, erwartet uns ein warmes Küchenzelt und heißes Wasser. Gar nicht so übel, so eine organisierte Tour, da könnten wir  uns in dem ein oder anderen Moment dran gewöhnen. Der Abend vergeht bei leckerem Essen und bibbernder Kälte ziemlich schnell. Noch ein kurzer Blick auf den Sternenhimmel und schon liegen wir in unserem muckeligen Zweitzuhause.

Huayhuas-Trek Tag 2: Quartelhain bis Laguna Mitucocha

Mit einem stärkenden Frühstück im Magen brechen wir auf zum ersten „richtigen“ Tag auf dem Huayhuash-Trek. Richtig heißt dabei: der erste Pass. Den haben wir von unserem Camp zwar fast schon im Blick, hoch müssen uns unsere Beine aber erst noch bringen. Ich kann eigentlich schon gar nicht mehr erwarten, dass es losgeht: Trotz unserer Wandererfahrung habe ich noch nie einen so hohen Pass überquert. Wenn es klappt, steht den nächsten Tagen nicht mehr so viel im Weg. Wenn nicht? Tja, keine Ahnung ehrlich gesagt… Schritt für Schritt nehme ich den Anstieg also in Angriff. Jeder Atemzug ist wohl überlegt. Allein der Blick zurück ist atemberaubend und die fernen Gipfel versprechen noch so viel mehr. Die Zeit vergeht wie im Flug und irgendwann wird mir dann klar: Das schaff‘ ich locker. Mit 4.700m ist der Cacananpunta Pass zwar bei Weitem nicht der höchste Pass auf unserem Trek und auch die 500m Höhenunterschied werden wir noch des Öfteren übertreffen. Aber auf dem stürmischen Pass stehend, den Blick in das grüne Tal auf der anderen Seite fühlt es sich an, als ob alles zu schaffen ist.

Auf dem Pass dann auch die Überlegung, direkt zum dritten Camp durchzulaufen und so Zeit für Ausflüge in den letzten Tagen zu schaffen. Aber – die Esel streiken. Mit all unserer Ausrüstung und der Versorgung für die nächsten sechs bis neun Tage auf dem Rücken schaffen sie es „nur“ bis zum eigentlich vereinbarten Zeltplatz. Das heißt für uns: Wir können noch einen Abstecher zu zwei Lagunen einlegen, bevor wir den zweiten Wandertag beenden. Bis zur Laguna Niñacocha gleicht das Ganze einem gemütlichen Tagesausklang. Doch der Weg zur kleineren und namenlosen Laguna erweist sich als echte Herausforderung: einen Weg gibt es nicht, immer wieder müssen wir uns über und zwischen Geröll hinwegkämpfen. Es geht bergauf und bergab und so richtig hat schließlich niemand mehr Lust auf diese „Zusatzleistung“. Als wir uns dann aber über den wirklich allerletzten Hügel gekämpft haben, war der Weg natürlich mal wieder jede Anstrengung wert.

Die kleine türkise Lagune wird umzingelt von schneebedeckten Bergriesen. Am beeindruckendsten erhebt sich der 6.094m hohe Jirishanca über uns. Wie so oft auf diesem Trek haben wir dieses grandiose Naturschauspiel ganz für uns allein. Die Ruhe, die uns dort umgibt, weit weg von jeder Zivilisation ist nahezu greifbar. Zum ersten Mal fühle ich mich auf dem Trek angekommen. Doch auch der schönste Tag geht irgendwann zu Ende und wir haben noch ein gutes Stück weg vor uns. In der Ferne erkennen wir zwar schon unsere leuchtenden Zelte, der Weg dahin führt allerdings durch ein riesiges Sumpfgebiet. Als es dann auch noch von oben nass wird, sind wir glücklicherweise schon fast angekommen. Bei dickem Nebel verkrümeln wir uns nach dem Abendessen aber besonders schnell in unser mobiles Bett.

Huayhuash-Trek Tag 3: Laguna Mitucocha bis Laguna Carhuacocha

So wie der letzte Tag aufgehört hat beginnt auch der nächste Tag: Mit einer ziemlich dicken Schicht Nebel. Aber ein Plan ist ein Plan und so arbeiten wir uns Schritt für Schritt zum nächsten Pass vor. Lief es gestern auch noch so gut, heute ist irgendwie der Wurm drin. Einen Atemrhythmus bekomme ich einfach nicht auf die Reihe, unser „Weg“ führt mal wieder durch ein Sumpffeld und meine Beine haben auch schon mal schneller mit meinem Kopf kommuniziert. Als der matschige Untergrund endlich vorbei ist, wird es nicht gerade besser: auf einem steinigen Geröllfeld quälen wir uns Schritt für Schritt nach oben. Immer wieder schwirrt die ziemlich unproduktive Frage in meinem Kopf herum, warum wir uns eigentlich nochmal für die schwierigere Alternative für den heutigen Tag entschieden hatten. So eine richtige Entlohnung wartet oben nicht auf uns: der Wind stürmt und zwischen Regenwolken ist nur zu erahnen, wir grandios die Aussicht sein könnte.

Noch haben wir unser Tageshighlight aber auch nicht erreicht. Mehr oder weniger dicht am Tal entlang kommen wir den höchsten Bergen der Cordillera Huayhuash immer näher. Als die Sonne schließlich zwischen den Wolken hervor kommt, haben wir den perfekten Pausenplatz erreicht: hoch über einer Lagune blicken wir auf schneebedeckte Berge, während wir unser Energielevel mit ein paar Nüssen bereit für den nächsten Aussichtspunkt machen. Denn nur einen knappen Kilometer weiter können wir unser Glück kaum fassen. Die Berge sind zwischen ein paar Wolken doch ziemlich gut zu erkennen, dazwischen liegen kristallblaue Gletscherlagunen und wenn man ganz genau aufpasst, sieht man immer wieder beeindruckende Lawinen in die kleinen Seen rauschen.

Kurz nach diesem atemberaubenden Aussichtspunkt erwartet mich dann das absolute Lowlight der Tour. Ganze 700m unter uns sehen wir bereits unsere Zelte am See leuchten. Der Weg dorthin führt aber nicht entlang eines ausgetretenen Pfades sanft nach unten, sondern durch hüfthohes Gras den steilen Berg entlang. Manch einer mag es vielleicht selbst verschuldet finden, trotz Höhenangst im Hochgebirge wandern zu gehen (oder trotz Flugangst eine Weltreise zu machen), aber in 99 % der Fälle überrasche ich mich dabei selbst und schaffe es, die Angst ein ganzes Stück einzudämmen. Heute war aber das andere Prozent dran. Aufgeben war aber nicht drin, wo sollte ich auch hin? So setzte ich nach kurzem Zusammenbruch doch einen Schritt nach den anderen und irgendwann konnte ich glücklicherweise zwischen meinem Tränenschleier erkennen: das Ziel kommt näher. Am Camp angekommen, überwiegt für mich dann auch der Stolz, die Angst wieder ein klitzekleines bisschen zurückgedrängt zu haben, über die Peinlichkeit, unseren Guide in ziemliche Aufruhr versetzt zu haben. Als Entschädigung (und Vorbereitung auf den kommenden Tag) erwartet uns schließlich ein freier Nachmittag, ein grandioser Sonnenuntergang und eine vielversprechende Zeltplatzaussicht.

Huayhuash-Trek Tag 4: Laguna Carhuacocha bis Huayhuash

Nach drei Tagen „Eingewöhnung“ sollte heute eine der härtesten Strecken des Treks auf uns warten, die uns aber gleichzeitig mit einer der schönsten Aussicht besänftigen sollte. Der erste Blick aus dem Zelt lässt uns unsere Erwartungen aber erst einmal wieder zurecht rücken: Dicke Wolken hängen vor den gestern noch so beeindruckenden Bergen und versprechen einen ziemlich nassen Tag. So umrunden wir ein wenig geknickt die Laguna Carhuacocha und bestreiten ziemlich unbeeindruckt die ersten zahmen Höhenmeter. So ganz übel meint es das Wetter dann aber glücklicherweise doch nicht mit uns. An der ersten Gletscherlagune können wir zumindest erahnen, wie es hier an einem sonnigen Tag aussehen muss. Und völlig unabhängig vom Wetter ist die Mächtigkeit der Berge und die Geräuschkulisse der vielen in die Lagune abgehenden Lawinen absolut überwältigend.

Auch wenn ich noch ewig auf das beeindruckende Naturschauspiel starren könnte – die eigentliche Herausforderung des Tages wartet noch auf uns. Und so startet kurz darauf der befürchtete Anstieg. Knapp 900 Höhenmeter warten auf kürzester Distanz darauf, erklommen zu werden. Immer wieder fängt es an zu nieseln. Der schmale Weg wird nicht besser und den Blick zurück nach unten vermeide ich irgendwann lieber. Als ich am Mirador Tres Lagunas ankomme, bin ich doch ein wenig ernüchtert. Mit den Bergumrissen im Hintergrund und den Lagunen im Vordergrund lässt sich zumindest erahnen, wie atemberaubend die Aussicht bei Sonnenschein sein muss. Aber Jammern ist für Anfänger und außerdem warten bestimmt noch 300 weitere Höhenmeter bis zum Pass auf uns.

Nach einem etwas gnädigeren Zwischenstück rückt schließlich der Pass in unser Sichtfeld. Und je näher wir kommen, desto klarer wird mir: die bunten Punkte in der Felswand, das sind Wanderer. Und die haben diesen Weg nicht zum Vergnügen gewählt (also irgendwie ja schon, aber das ist eine andere Geschichte) und wir müssen da auch hin. Aber nützt ja alles nichts, also los. Schritt für Schritt und Atemzug für Atemzug kämpfe ich mich höher. Und tatsächlich: Schneller als erwartet sind wir alle oben, auf über 4.800m angekommen. Das muss gefeiert werden! Ziemlich angenehm, in diesem Moment mit Koch unterwegs zu sein, der aus seinem Gepäck den leckersten kalten Arroz Chino aller Zeiten hervor zaubert.

Nicht genug, dass das Wetter uns schon die ganzen schönen Ausblicke des heutigen Tages vermiest hat, jetzt fängt es auch noch richtig an mit Regnen. Mit dem Pass im Rücken starten wir jedoch frohen Mutes, das Camp bald zu erreichen. Aber sechs Kilometer brauchen dann doch eine gewisse Zeit. Vor allem im Regen, mit matschigem Untergrund und einer Kälte, die unter die Haut kriecht. Der emotional definitiv zermürbendste Teil des Tages zieht sich wie Kaugummi und die Stimmung nähert sich einem gefährlichen Tiefpunkt. Endlich. Endlich ist das Camp im Tal zu erkennen und auch der Regen gönnt uns eine kleine Pause. So richtig können wir uns aber auch an unseren warmen Schlafsäcken nicht erfreuen. Das Wetter hat uns doch mittlerweile schon deutlich öfter als erhofft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wenn das so weitergeht, sehen wir von der angeblich schönsten Mehrtagestour der Welt nicht allzu viel. Mit der leisen Hoffnung darauf, endlich einen Tag mit strahlendem Sonnenschein zu erwischen, gehen wir schließlich ins Bett.

Huayhuash-Trek Tag 5: Huayhuash bis Laguna Viconga

Wie schon das ein oder andere Mal auf Reisen mussten wir erkennen: Meistens kommt es ganz schön anders, als man denkt. Eine dicke Nebelschicht hängt mal wieder über unserem Campground, als wir morgens aus dem Zelt kriechen. 400m nach oben auf den Portachuelo Pass stehen heute gleich als Morgenbegrüßung auf dem Plan. Außer dem Geröll unter unseren Füßen sehen wir davon nicht viel. Als es auf dem langen und matschigen Weg hinunter dann auch noch anfängt zu schneien, können wir über unser Wetterpech schon fast nur noch lachen. Und tatsächlich wird unsere unverändert positive Stimmung an unserem nächsten Pausen-Stopp auch belohnt: Die dicken Nebelwolken verziehen sich und geben den Blick auf die Laguna Viconga und die umliegenden Gletschergipfel frei. Als dann auch noch der Schneeregen aufhört, können wir unser Glück kaum fassen und ziehen ziemlich beschwingt an einer ganzen Horde Vicuñas vorbei.

Immer schöner wird das Wetter und immer besser werden auch die Ausblicke und die Aussicht auf das, was uns am morgigen Tag erwartet. Heute erreichen wir bereits gegen Mittag unser Camp (wo wir allerdings gleich zu Beginn noch einmal mit einem Regenschauer begrüßt werden), denn das Nachmittagsprogramm besteht heute ausnahmsweise einmal nicht aus Wandern, sondern einer gehörigen Portion Entspannung: An der Laguna Viconga erwarten uns auf 4.300m heiße Quellen. Und fast noch ein bisschen besser: ein kleiner Shop. So zelebrieren wir das Bergfest unseres Treks im heißen Wasser, mit Blick auf die imposanten Berge und einem kühlen Cusceña-Bier in der Hand. Übrigens sehen ausschließlich die Gringos diese Thermalquellen als Wellness an. Im dritten (und für uns unerträglich heißen) Becken, schrubben sich sicherlich an die 20 peruanische Guides, Köche und Donkey-Driver zwei Hautschichten vom Leib.

Huayhuash-Trek Tag 6: Laguna Viconga bis Guanacpatay

Am nächsten Morgen sammeln wir noch schnell unsere fest gefrorenen Badesachen ein, bevor uns einer der härtesten und gleichzeitig schönsten Tagesabschnitte der gesamten Tour bevorsteht. Bis rauf auf den Cuyoc Pass auf knapp 5.000m Höhe stehen über 600 Höhenmeter auf dem Plan. Aber am sechsten Huayhuash-Tag sind wir gut trainiert, der Atemrhythmus funktioniert und einen Schritt nach dem anderen nähern wir uns bei schönstem Wetter und bester Aussicht dem gefürchteten Pass. Hinter jedem Hügel erwarte ich jetzt, auf den deutlich schnelleren Johann zu treffen, aber irgendwie zieht sich der Anstieg dann doch noch ein ganzes Stück. Als ich dann jedoch endlich oben stehe, kann ich die vielen großartigen Ausblicke gar nicht fassen. In jeder Richtung sind wir umgeben von atemberaubenden Berrggipfeln. Der Schnee glitzert in der Sonne und tief unter uns erstreckt sich ein langgezogenes Tal.

Der Abstieg gestaltet sich anschließend ungleich schwerer als der morgendliche Aufstieg. Über loses Geröll geht es ziemlich steil bergab. Aber auch das tiefste Tal ist glücklicherweise irgendwann erreicht und so ziehen wir anschließend durch das weite Tal zu unserem Camp. Das erreichen wir auch am heutigen Tag bereits zum Mittagessen. Nach einem stärkenden Mahl und einer erholsamen Pause in der Sonne steht uns nun der anstrengendere Teil des Tages bevor. 800 Höhenmeter wollen wir steil bergauf bis zum San Antonio Pass. Auch wenn uns die Müdigkeit und die erste Tageshälfte noch ein bisschen in den Knochen stecken: Auf Los gehts los!

Nach einer steilen Felswand wandern wir kurz durch eine Kuhweide, bevor es dann zielstrebig und immer steiler bergauf geht. Auch hier gilt wieder: Atemrhythmus im Takt halten, einen Schritt nach den anderen setzen und nicht zu oft den Kopf in den Nacken um zu sehen, wie weit es noch ist. Die letzten 100 oder 200m peinigen uns mit schwarzer Vulkanasche. Mit jedem großen Schritt rutsche ich wieder zwei nach unten, so tief sinken wir in den schwarzen Sand ein. Als ich das Gefühl habe, wirklich keinen einzigen Zentimeter mehr nach oben zu kommen, rückt das Ziel endlich in greifbare Nähe. Und so mobilisiere ich jede kleinste Kraftreserve, die ich noch in meinem Körper finden kann – und stehe auf dem Pass.

So ganz kann ich mein Glück gar nicht fassen. Das Wetter hält und der Blick in das tiefe, tiefe Tal auf der anderen Seite des Passes ist unbeschreiblich. Die spitzen Berge ragen steil in den Himmel und ganz tief unter uns liegt ein perfekt geformter, tiefblauer Gletschersee. So richtig weiß ich nicht mehr, ob das schlimme Herzklopfen gerade von der Anstrengung, der dünnen Luft oder dem großen Glücksgefühl kommt, das mich hier oben durchströmt. Dass ich es einmal in meinem Leben ganz aus eigener Kraft auf so große Höhe und zu solch einer einsamen Schönheit bringen würde, hätten nicht nur alle ehemaligen Sportlehrer, sondern auch ich selbst nicht geglaubt. Die anderen drei machen sich inkl. Guide noch auf zum 50m höher gelegenen Gipfel. Aber höhenangsttechnisch bin ich ganz zufrieden wo ich bin und genieße diesen Ausblick, den auch jedes Instagram-Bild, das ich vorher angehimmelt habe, nicht annähernd beschreiben kann.

Dann starten wir den Abstieg und der ist zu meiner großen Beruhigung zwar genau so steil wie er aussieht, aber durch den schwarzen Sand können wir rutschen und anschließend ist der Weg eine verhältnismäßig trittsichere Sache. Mit dem Camp im Blick und dem schwindenden Tageslicht meldet sich dann auch so langsam mein Magen zu Wort. So ein Tag zieht ganz schön Energie und so laufen wir die letzten Meter dem Abendessen ziemlich ungehalten entgegen. Eingekuschelt in meinen Schlafsack kann ich noch immer nicht so ganz glauben, was wir heute so alles geschafft haben. Bevor ich aber weiter staunen kann, übermannt mich ziemlich schnell der dringend benötigte Erholungsschlaf.

Huayhuash-Trek Tag 7: Guanacpatay bis Gashpapampa

Noch völlig beseelt vom Tag zuvor stehen wir mit dem Gefühl auf, alles schaffen zu können. Aber natürlich werden wir ziemlich schnell zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Und so erwartet uns heute tatsächlich einer der im Nachhinein härtesten Tage. Dabei steht ausnahmsweise kein einziger Pass auf dem Plan und nicht mal besonders viele Höhenmeter (zumindest im Vergleich zu Gestern). Aber nach all der Aufregung in den letzten Tagen ziehen sich die Kilometer durch das breite Tal ziemlich in die Länge. So völlig ohne Pass und ohne Berggipfel um uns herum wird uns fast schon ein wenig langweilig und so sind wir ganz froh, als wir zur einzigen Einkaufsmöglichkeit des ganzen Treks mitdürfen und unsere (nicht vorhandenen) Bier- und Keksvorräte auffüllen.

Nach der Pause startet dann aber der tatsächlich harte Teil des Tages. Zur Eintönigkeit (und das kann man auch nur schreiben, wenn man alle vorherigen Tage erlebt hat) gesellen sich noch einige Höhenmeter, die sich ziemlich flach, aber ziemlich stetig aneinanderreihen. Die letzten Kilometer bis zum Camp sind eine echte Nervenprobe. Nach sieben Tagen Trekking auf mehr als 3.500m sind nicht nur die Knochen, sondern auch der Geist ein bisschen müde. Und so kämpft sich jeder, ganz mit sich allein, Schritt für Schritt voran. Bei der kleinsten Veränderung der Landschaft hoffe ich auf unser Camp, aber es kommt und kommt einfach nicht in Sichtweite. Auch als ich die leuchtenden Zelte bereits in der Ferne erkennen kann, dauert es noch eine kleine Ewigkeit, bis ich mich endlich ins Gras vor unser Zelt setzen kann.

Huayhuash-Trek Tag 8: Gashpapampa bis Laguna Jahuacocha

Bei der Lagebesprechung am nächsten Morgen wissen wir nicht so ganz, ob wir die kommenden Kilometer jetzt positiv oder negativ sehen sollen. Ganze zwei Pässe stehen auf dem Plan, aber nach der lähmenden Eintönigkeit gestern ist das vielleicht gar nicht so übel. Die Kilometer bis zum Tabus Pass ziehen sich bei mir mal wieder wie Kaugummi. So richtig geht es nicht voran und die Aussicht auf einen zweiten Pass in dieser Höhe am heutigen Tag sorgt auch nicht gerade für einen Stimmungsaufheller. Als dann bereits am ersten Pass meine Tagesration an Snacks so gut wie leer und mein Energielevel immer noch kein Stück aufgefüllt ist, würde ich am liebsten hinschmeißen. Da nützt die schönste Aussicht nichts, aber was muss das muss und wo soll ich auch hin in dieser unendlich wirkenden Wildnis?

Nach 300m Abstieg haben wir das übliche Camp erreicht. Aber wir wollen ja weiter, um morgen einen ganzen Tag zur Verfügung zu haben für Ausflüge rund um die Laguna Jahuacocha. Also noch einmal 400m bergauf. Zwischenzeitlich sind auch unsere Esel an uns vorbeigezogen. Irgendwann werden wir tatsächlich von einem indigenen Pärchen hoch zu Ross überholt. Die beiden sind so herzlich, dass meine Motivation 200m vorm Jaucha Pass doch noch zurückkommt und so stehen wir dann tatsächlich auf dem letzten Pass des gesamten Huayhuash-Trek und verspeisen geschafft aber glücklich Arroz Chino. Mit gefülltem Magen kann ich auch endlich die Aussicht genießen und werde fast ein bisschen wehmütig bei dem Gedanken, dass wir heute tatsächlich schon unseren letzten Zeltplatz ansteuern, bevor es übermorgen dann  zurück in die Zivilisation geht.

Bevor allerdings zu viel Wehmut aufkommt, bestreiten wir noch einen großen Aussichtsumweg. Statt hinunter ins Tal, laufen wir parallel dazu vom Pass auf einen Berg, der einen unglaublichen Panorama-Blick bietet. Die Berggiganten reihen sich wie Perlen an einer Kette zusammen. So mächtig wie sie sind, wirken sie nahezu greifbar, und sind doch so weit weg. Ein ganzes Stück wandern wir parallel zur Bergkette und zum Tal, immer wieder ergeben sich neue spannende Blicke auf die schneebedeckten Riesen und dazwischenliegende bunte Täler oder blaue Lagunen.

Dann rückt unser Tagesziel ins Blickfeld, die Laguna Jahuacocha und auch unsere Zelte können wir bereits erkennen. Blöd nur, dass zwischen uns und dem Zeltplatz noch gut 800 Höhenmeter und ein extrem steiler Abstieg liegen. Schritt für Schritt hangeln wir uns nach unten, aber irgendwie will unser Ziel einfach nicht näher kommen. Dazwischen immer wieder Kühe (wie können die hier stehen?) und der Blick nach oben, wie viel wir schon geschafft haben. Als wir dann wirklich irgendwann ebenen Boden unter unseren Füßen spüren, fühlt sich das schon ganz ungewohnt an. Der Blick nach oben ist ein bisschen unwirklich – sind wir da wirklich gerade herunter GELAUFEN? Von hier sieht das nicht gerade machbar aus. Aber wir haben es geschafft und haben uns den Sonnenuntergangsausblick vom Zeltplatz, das kühle Bier und das grandiose Abendessen mehr als verdient.

Huayhuash-Trek Tag 9: Laguna Jahuacocha

Unser letzter voller Trek-Tag begrüßt uns mit einem späten (d.h. 08.00 Uhr) Frühstück und strahlendem Sonnenschein. Nach einem gemütlichen Start in den Tag, steht eine Wanderung in die Umgebung auf dem Plan. Aber nur ein wenig um die Laguna Jahuacocha herumwandern wär ja langweilig, oder? Also kraxeln wir schon kurz hinter unserem Zeltplatz die steilen Wiesen hinauf, um vielleicht doch eine Abkürzung zur Laguna Rasaccocha zu finden. Klappt natürlich nicht, also alle wieder runter und rauf auf den staubigen Trampelpfad, der sich im Zickzack immer höher schraubt. Mmh. Sah von unten irgendwie entspannter aus. Aber mit einem fast kompletten Huayhuash-Trek in den Knochen wird auch ein Tagesausflug zur Herausforderung. Mit ein paar Snacks kommen wir dann aber doch noch oben an und müssen uns jetzt nur noch zwischen ein paar aggressiven Bullen durchschlängeln. Das klappt zwar nur mehr oder weniger gut, am Ende stehen wir aber alle heil am Rand der Lagune.

Auch wenn wir in den letzten Tagen schon so einige Lagunen, Gletscher und Berge gesehen haben, fasziniert uns auch dieser Ausblick mal wieder. Der Himmel strahlt im schönsten Blau, keine Wolke trübt unsere Aussicht und die Wasseroberfläche glitzert idyllisch in der Sonne. Wir umrunden den See und erfrischen auf der anderen Seite unsere müden Wanderfüße mit ziemlich frischem Gebirgswasser. Die Sonne kitzelt meine Nase und schon wieder fallen mir meine Augen zu. Aber den gemütlichen Teil des Tages haben wir noch lange nicht erreicht.

Jetzt erstmal wieder an den aggressiven Rindern vorbei (diesmal problemlos) und in einer dicken Staubwolke zurück nach unten. Um unsere Füße auch ja nicht zu einseitig zu belasten geht es gleich darauf wieder nach oben. Einen Weg können wir hier zwar nicht erkennen, das Ziel ist aber eh klar: Solange weiter nach oben, bis wir die Laguna Auxilio Qucho erblicken können. Das geht dann tatsächlich schneller als gedacht (vielleicht auch, weil uns dort ein Mittagessen versprochen wird) und schon sehen wir tief unter uns die azurblaue Wasseroberfläche schimmern. Unglaublich, aber auch hier wird es definitiv nicht langweilig und mir stockt wieder einmal der Atem. Wir sind den faszinierenden Bergriesen hier noch einmal ganz nah gekommen. Ganz tief in mir drin speicher ich dieses Bild in meinem Erinnerungsspeicher ab, bevor wir den weißen Giganten leise „Bis bald“ sagen.

Zurück auf der anderen Seite der Laguna Jahuacocha genießen wir das Gefühl, es jetzt fast geschafft zu haben und sind gleichzeitig alle ein kleines bisschen wehmütig, dass dieses unglaubliche Erlebnis morgen schon vorbei sein wird. Der vorletzte Tag verabschiedet sich dann tatsächlich mit einem traumhaften Sonnenuntergang von uns und macht den Abschied damit kein Stück leichter.

Huayhuash-Trek Tag 10: Laguna Jahuacocha bis Llamac

Ein letztes Mal quälen wir uns bei Minustemperaturen aus dem Schlafsack, räumen all unsere Sachen aus dem Zelt, zurück in die Eseltasche, putzen Zähne und bauen das Zelt ab, bevor es ein allerletztes Frühstück gibt. Der Abschied vom Frühstück tut an diesem Morgen so gar nicht weh, das „Brot“ hat sich innerhalb von zehn Tagen definitiv nicht verbessert. Die mächtigen Berge im Rücken machen wir uns auf den Weg nach unten: fast 1.000m tiefer als unser Zeltplatz liegt Llamac, unser Zielort. Unter die Vorfreude auf die Zivilisation mischt sich auch ein klein wenig Besorgnis. Immerhin zehn Tage waren wir von der Außenwelt abgeschnitten, da hoffen wir schon, dass keine schlechten Nachrichten auf uns warten.

Erst durch ein weites Tal, dann entlang eines Abhanges und schließlich einen staubigen Weg nach unten, kehren wir Stück für Stück zurück. Immer mehr Menschen begegnen uns auf der Strecke, schließlich treffen wir sogar auf Kinder auf dem Nachhauseweg nach der Schule. Und dann haben wir es auch schon geschafft: Wir sind angekommen in Llamac, haben den Huayhuash-Trek bezwungen und unsere persönlichen Grenzen weiter hinausgeschoben. So richtig begreifen können wir es noch nicht, aber wir haben tatsächlich die Cordillera Huayhuash umrundet. Ein einmaliges Erlebnis und tatsächlich der schönste Trek der Welt (zumindest für uns persönlich).

Huayhuash-Trek: Auf eigene Faust oder mit organisierter Tour?

Vor unserer Anreise nach Huaraz stand für uns fest: wir probieren uns auf dem Santa Cruz Trek, wenn wir den schaffen, dann machen wir den Huayhuash-Trek auf eigene Faust – oder gar nicht. Nach Krankheit und der Erkenntnis, dass das Gepäck mit jedem Höhenmeter doppelt so schwer wird, haben wir uns dann mit knirschenden Zähnen doch für unsere erste organisierte Trekking-Tour entschieden. Im Nachhinein eine richtig gute Entscheidung für uns, da wir viele Aussichtspunkte mit dem schweren Gepäck nicht erreicht hätten und die umwerfende Natur ohne großen Rucksack auf dem Rücken einfach noch mehr genießen konnten.

Die wenigen Individualisten, die wir unterwegs getroffen haben, waren acht Tage unterwegs. Das spart Nahrung (der schwerste Gepäckanteil), ermöglicht aber keine Abstecher, wie wir sie unternommen haben. Wir haben meist mit einer anderen Gruppe gemeinsam gecampt, einmal hatten wir den Zeltplatz auch komplett für uns. Das kannst du auf eigene Faust natürlich öfter erreichen und hast die Natur dann ganz für dich allein. Wenn du den Huayhuash Trek ohne Agentur machen willst, dann schau unbedingt bei dustyboots.blog vorbei. Die beiden haben den Trek selbst organisiert und alle Informationen für dich zusammen getragen.

Wenn du dich, so wie wir, für eine organisierte Tour entscheidest, können wir dir definitiv Eco Ice Peru ans Herz legen. Nicht unbedingt die günstigste Agentur in Huaraz, aber dafür hat es uns nie an Essen gemangelt, die zur Verfügung gestellte Ausrüstung war in einem guten Zustand und das Team, mit dem wir unterwegs waren, war kompetent und sehr sympathisch. Gezahlt haben wir pro Person (wir waren am Ende zu Fünft) 550 USD, dazu kamen noch 195 PEN (ca. 50 EUR) Schutzgeld/Campingplatzgebühr. Ganz sicher kein günstiger Spaß, mit im Durchschnitt 50 EUR pro Tag und für dieses unglaubliche Erlebnis aber jeden Cent wert.

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