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Reisegeschichten: Landmannalaugar

Landmannalaugar Weg

Wie viel Kälte kann man als durchschnittlicher Mitteleuropäer im Sommer eigentlich ertragen? Nachdem ich so viele Kleidungsstücke wie nur irgend möglich über einander gezogen habe, sitzen wir immer noch bibbernd in der Dämmerung auf der Rücksitzbank unseres Mietwagens. So hatten wir uns unseren „Sommerurlaub“ nicht unbedingt vorgestellt.

14 Stunden zuvor

Es ist der zweite Tag unserer Island-Rundreise. Nach einer kalten Nacht packen wir unsere Sachen und machen uns auf den Weg in eine Gegend, die uns die Unglaublichkeit der isländischen Natur vor Augen führen sollte. Landmannalaugar. Allein die Anreise führt uns vom grünen isländischen Süden weg von geteerten Straßen mitten durch unwirtschaftliche Lavawüsten. Durchbrochen wird das unendliche Grau immer wieder durch grüne Hügel, deren Farbintensität mit meinem bisherigen Verständnis von „Natur“ nicht zu vereinbaren ist. Irgendwann brauchen wir eine Pause, stellen den Wagen am Wegesrand ab und laufen einige Schritte durch die steinige Wüste. Wir klettern über einen kleinen Lavabrocken und sehen vor uns – eine Oase. Mitten durch die schwarze Einöde fließt kristallklares Wasser. Auf einem grünen Streifen rechts und links des Flusses verteilen sich pinkfarbene Blumen.

Anfahrt Landmannalaugar

Erholt von der erfrischenden Abwechslung rollen wir weiter über graues Geröll. Viele Kilometer können es nicht mehr sein. Aber bevor wir unser endgültiges Ziel für diesen Tag erreichen, bietet sich uns ein unglaublicher Ausblick. Hoch über einem blauen See halten wir inmitten grüner Hügel zwischen erkalteten Lavakegeln. Kalt fegt der Wind in unsere Kleidung, aber noch wärmt uns der strahlende Sonnenschein. Fast drei Stunden sind wir bereits unterwegs, als wir uns endlich von dem Ausblick lösen und die letzten Kilometer bis zum Camp zurücklegen können.

Hinter der letzten Kurve taucht wie aus dem Nichts eine riesige Zeltstadt auf.

Auf einer ebenen Fläche, flankiert von unwirklichen Rhyolith-Hügeln, steht Zelt an Zelt, die bunten Farben eine willkommene Abwechslung zu den vergangenen Stunden im Auto. Jetzt trennt uns nur noch die erste Flussüberquerung auf dieser Reise von unserer endgültigen Parkposition für die nächsten zwei Tage. Nachdem ein ähnlich kleines Auto (zumindest für isländische Verhältnisse) wie unseres den Flusslauf problemlos passiert hat, sind wir auch schon so gut wie auf der anderen Seite.

Landmannalaugar Camping

In dem Moment, in dem wir das Auto verlassen, bekommen wir einen kleinen Eindruck der Witterungsbedingungen, die uns die kommenden Stunden ordentlich herausfordern werden. Zu der üblichen isländischen Sommerfrische hat sich auf der weiten Ebene ein heftiger Wind gesellt, der uns nicht nur sofort in die Knochen fährt, sondern den Zeltaufbau auf der schlammigen Ebene zu einer echten Olympia-Disziplin erweitert. Mit einem letzten Blick auf unser mit Steinen gesichertes Zelt hoffen wir, dass unsere einzige Möglichkeit für die Nacht den isländischen Herausforderungen standhält.

Landmannalaugar Wanderung

Die isländischen Tage sind auch im August noch lang, sodass wir auch am Nachmittag noch die Gelegenheit für eine halbtägige Wanderung haben. Die kleine Wanderkarte, die wir beim „Check-In“ erworben haben, stellt uns einen 2,5- bis 3,5-stündigen Rundweg über den Bláhnúkur in Aussicht. Bereits die ersten Schritte aus dem Camp bieten uns eine unglaubliche Aussicht. Die Farben des Gesteins ändern sich mit jedem Meter. Als der Wind den losen Sand aus der gegenüberliegenden Felswand bläst, bietet sich uns ein magisches Lichtspiel.

Hinter jeder Kurve erwartet uns nun ein neues Bild:

Ein tiefes Tal, dass ein kleiner Fluss in das graue Gestein gezogen hat. Ein Lavafeld so weit das Auge reicht. Der Weg verliert sich immer wieder zwischen den schwarzen Skulpturen. Am höchsten Punkt der schwarzen Mondlandschaft überblicken wir das weite Feld und entdecken, mittlerweile ganz klein und tief unter uns, unsere Zelte. Mit dem Blick auf die Karte und die vereinzelten weißen Stöckchen ahnen wir, was uns als nächstes bevorsteht.

Blahnjukur

Mit großen Augen blicken wir durch die Schwefel-Wolken, die über die freie Fläche vor uns ziehen. Dahinter erstreckt sich ein Berg, in dem sich alle Farben des Regenbogens zu spiegeln scheinen. Nichts wie rauf da. Und während wir noch schwer atmend die letzten steilen Meter bis zur halben Höhe des Berges erklimmen, müssen wir uns schon wieder ungläubig die Augen reiben: Wie gemalt liegen gleichmäßige Hügel vor uns, in deren sanften Tälern sich vollkommen regelmäßig der Schnee sammelt. Mit diesem Ausblick schaffen wir auch die letzten Höhenmeter und überblicken schließlich die vielfältige Landschaft von Landmannalaugar. Und während wir für kurze Zeit den unglaublichen Ausblick genießen, sind wir das erste Mal völlig allein. Sind uns vor ein paar Minuten am Fuß des Berges noch vereinzelte Wanderer entgegengekommen, sehen wir jetzt keine einzige Menschenseele weit und breit.

Rhyolith Landmannalaugar

Da der Wind hier oben auf dem Gipfel noch unerbittlicher pfeift als auf unserem exponierten Zeltplatz, machen wir uns bald an den Abstieg. Nach ein paar Minuten schiebt sich (wieder einmal) eine neue unwirkliche Farbe in unser Sichtfeld. Im Tal tief unter uns verwandelt sich die graue Steinwüste von einem Meter auf den anderen in eine saftige grüne Wiese. Wie um diese Perfektion zu komplettieren, erkennen wir einzelne weiße Farbtupfer zwischen dem hohen Gras: die isländischen Schafe sind natürlich auch in dieser abgelegenen Gegend zu Hause.

Der Abstieg gestaltet sich ein wenig abenteuerlicher als gedacht, aber bald stehen auch wir mitten in der grünen Fläche.

Weit kann das Camp nun nicht mehr sein und so langsam legt sich auch ein Schatten über die Ebene. Frisch fährt uns der Wind unter die Kleidung und mit einem falschen Schritt in Richtung Bach wird ein Fuß zu einem Eisklotz. Durch einige Lavaformationen klettern wir noch, dann sehen wir unter uns endlich unser Ziel.

Landmannalaugar Gras

Ohne die Sonne, die uns tagsüber immer wieder aufgewärmt hat, hilft auch das warmes Abendessen nicht, unsere Finger und Zehen wieder zum Leben zu erwecken. Schnell noch ein bisschen heißen Tee, aber so richtig will doch nichts helfen. Eine Dusche in dem zugigen Waschhaus, das zum Camp gehört, erscheint uns unmöglich. Daher: erstmal ins Auto, vielleicht staut sich dort noch ein wenig Wärme vom Tag.

Landmannalaugar bedeutet so viel wie „Pool der Landmänner“

Das Gebiet ist voller geothermaler Energie. An einigen Stellen sind die Quellen so heiß, dass wir tagsüber immer wieder Schilder entdeckt haben, die uns vor Verbrennungen warnen. Zum Pool werden diese heißen Wassermassen erst im Zusammenspiel mit den eiskalten Quellen, die hier ebenso aus der Erde treten. Und das soll schließlich unsere Rettung in dieser kalten Nacht sein: Mit den letzten Resten Tageslicht überwinden wir uns, unsere vielen Schichten Kleidung loszuwerden und die ersten kühlen Schwimmzüge in Richtung der heißen Quellen zu tun. Dort erwartet uns eine echte Erlösung: heißes und kaltes Wasser vermischt sich zur perfekten Badetemperatur und löst langsam aber sicher unsere vor Kälte starren Glieder. Lange nachdem die ersten Sterne am klaren Nachthimmel aufgezogen sind, verlassen wir den natürlichen Pool und machen uns auf den schnellsten Weg in unser windschiefes Zelt, um so viel Wärme wie möglich mit in die Nacht zu nehmen.

Campground Landmannalaugar

Es wird die erste Nacht, die ich in der isländischen Kälte trotz meines etwas zu optimistischen Schlafsacks durchschlafen werde. Und am nächsten Morgen werden wir das Zelt öffnen, wieder einmal über die unglaubliche Natur staunen, in der wir hier übernachten können und einen weiteren Tag in der märchenhaften Hochlandwelt planen.

Praktische Infos

Landmannalaugar gilt als Einstieg in das isländische Hochland. Wir sind einen kleinen Umweg gefahren, hatten aber dadurch keinerlei Probleme auf der Strecke (F208). Die einzige Furt, die wir durchqueren mussten, lag unmittelbar vor dem Campground, wir hätten das Auto bei höherem Wasserstand auch davor parken können. Bedenke aber, dass du unbedingt einen geländegängigen Wagen benötigst, unabhängig davon, welche Route du wählst. Bist du ohne (Miet-)Wagen unterwegs, fahren auch verschiedene Busunternehmen täglich nach Landmannalaugar.

Straße Landmannalaugar

Vor Ort hast du nur einen überteuerten Kiosk, um einzukaufen, deck dich also am besten direkt in Reykjavik mit einem ausreichenden Vorrat ein. Übernachtungen sind insbesondere im Zelt möglich, es gibt wohl aber auch einzelne Betten in dem einzigen Haus vor Ort.

Besorg dir bei deiner Ankunft unbedingt eine Wanderkarte für die Umgebung. Auch wenn es nicht viele ausgeschilderte Wege gibt, kann man schnell den Überblick verlieren.

Viele weitere Informationen zu einem Tagesausflug nach Landmannalaugar findet ihr bei Moose around the world.

Mit diesem Artikel wollen wir uns in einer neuen Kategorie versuchen. Wenn dir unsere Reisegeschichte gefallen hat, dann schenk‘ uns doch auch auf den üblichen Social-Media-Plattformen einen Daumen nach oben.

2 Comments to "Reisegeschichten: Landmannalaugar"

  1. Antworten moosearoundtheworld 9. Oktober 2016 at 20:50

    Danke für euren Link zu unserem Blog. Sehr schöner Bericht über Landmannalaugar. Wir hatten dort leider nicht ganz so viel Zeit für einen Aufenthalt, aber wir möchte gerne noch mal dorthin. Dann auch mit einer Übernachtung, damit genug Zeit zum Wandern bleibt. Einfach eine der schönsten Ecken der Insel 🙂

    • Saskia&Johann
      Antworten Saskia&Johann 20. Oktober 2016 at 20:46

      Oh ja, bei so einem Tagesausflug ist man gerade dort ja mehr mit Ankommen und Gucken beschäftigt. Ich bin sooo froh, dass wir uns für den „Umweg“ entschieden hatten, für mich war es wirklich eines der absoluten Highlights. Viele Grüße, Saskia

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