travellus

Lappland – ein Wintermärchen

Aurora Borealis Express

14 Stunden im Zug und kein einziger Funken Tageslicht. Klingt nach einem ziemlich unerstrebenswerten Reiseziel? Überhaupt nicht! Warum es sich lohnt, in den vollen Nachtzug von Helsinki nach Lappland zu steigen.

Der Sommer ist meine liebste Jahreszeit. Auch wenn es für meinen Geschmack oft zu heiß ist, gibt es in den Sommermonaten endlich ausreichend Tageslicht für mich. Wenn ich über die langen Wintermonate den Hin- und Rückweg zur Arbeit in der Dunkelheit bestreite, habe ich mich oft gefragt, wie all die Menschen das überleben, die auch nur einen Breitengrad nördlich von mir wohnen. Oder eben am Polarkreis.

 

Was macht man also, wenn man ein paar Tage vor Weihnachten in Finnland ist? Genau: du buchst einen extrem günstigen und extrem langsamen Zug von der Hauptstadt einmal ganz in den Norden nach Kolari, kommst dort um zehn Uhr morgens bei völliger Dunkelheit an und zweifelst an deinem Verstand. Die erste Reiselektion aus Lappland hatte ich da schon gelernt:

Buche nie-nie-nie-niemals einen Sitzplatz in einem Nachtzug. Egal wie billig. Danach bist du hinüber (zumindest in finnischen Uralt-Zügen).

Kolari liegt 86 km nördlich des Polarkreises und beheimatet die nördlichste Bahnstation Finnlands. Besucht ihr die Region also um den 21. Dezember, den Tag der Wintersonnenwende herum, seht ihr die Sonne kein einziges Mal über den Horizont steigen. Keine Ahnung, wie ich auf die Idee kam, dass das Sinn für mich machen würde. Tatsächlich hat es das aber.

Eine Fahrt durch den Schnee

Vom Bahnhof in Kolari startete eine der schönsten Busfahrten meines Reiselebens. Langsam schoben sich ein paar Sonnenstrahlen über den Horizont und so rauschten wir durch völliges Weiß. Die Straßen waren zugefroren, die Bäume eingeschneit, der Boden mit vielen Metern Schnee bedeckt und der Himmel schloss sich wolkenbedingt der weißen Umwelt an. Während wir über die vielen Hügel Lapplands rauschten, gaben die Bäume immer wieder den Blick frei auf eine ganze Fichten-Armee, die schlimmer als in jedem Lappland-Klischee in Reih und Glied bis zum Horizont reichten.

Seven Fells Hostel

Nach guten dreißig Minuten hielt der Bus auf freier Strecke an und der überaus finnische (aka mürrische) Busfahrer gab uns zu verstehen, dass wir unser Ziel wohl erreicht hätten. Ylläs, eines der größten Skigebiete Finnlands hatten wir uns ein klein wenig anders vorgestellt. Umso schöner war das, was wir tatsächlich bekamen.

Äkäslompolo

Äkäslompolo, ein Ort mit weniger als 500 Einwohnern, liegt inmitten von sieben Fjells. Mit 400 bis 800m nicht gerade das, was ich bis dahin als Hochgebirge verstanden habe, reicht es soweit nördlich doch aus, um die Baumgrenze hinter sich zu lassen.

Lappische Nächte

Neben traumhaften Aussichten, unendlichen Langlaufloipen und grandiosen Wanderwegen hat die kleine große Ortschaft im finnischen Teil Lapplands auch eine ziemlich grandiose Unterkunft zu bieten: Das Seven Fells Hostel liegt zwei Kilometer außerhalb des Ortskerns inmitten von Fichten (natürlich) in einem typisch lappischen Holzhaus. Gerade für finnische Verhältnisse eine günstige Unterkunft, die noch dazu mit unheimlich nettem Personal aufwarten kann.

Ein ganzer Tag voll Sonnenuntergang

Ich liebe Sonnenauf- und –untergänge (wer nicht!?) und genau das hat Lappland einen so großen Platz in meinem Herzen verschafft: In der Polarnacht schafft es die Sonne zwar nie über den Horizont, aber dadurch ergibt sich das schönste Farbenspiel. Ein rosa und orange verfärbter Himmel, und das auch noch den ganzen Tag lang, was will mein Foto-Herz mehr? Da ist es schon fast egal, was du in der nördlichsten Region Europas treibst. Hauptsache du bist draußen, hast keinen komplett wolkenverhangenen Himmel und deine Kamera im Anschlag.

Lost in Lappland

Was also tun, am kürzesten Tag des Jahres, weit oberhalb des Polarkreises? Ich hab da mal zwei Sachen für dich ausprobiert:

1 Schneeschuhwandern auf dem Kuertunturi

Schneeschuhe ausleihen, eine Route empfehlen lassen und schon ging es los auf den 445m hohen Kuertunturi. Klingt nicht sonderlich hoch und hat mich doch zwischenzeitig an den Rande der Verzweiflung getrieben. Würdest du nicht auch kurz mal ins Zweifeln geraten, wenn dir ein „clearly marked trail“ versprochen wird und du auf einmal auf einer großen verschneiten Fläche stehst, die von Wiese bis See alles hätte sein können? Ich war auf jeden Fall ziemlich froh, als wir von drei Schweizern überholt wurden und somit nicht mehr die Einzigen waren, die sich da ins Verderben stürzten. Nach dem wir uns einen ziemlich steilen Abhang hinauf gekämpft hatten, kam endlich die Belohnung: ein völlig surrealer Ausblick auf das hügelige Lappland. Dazu auch noch ein Himmel in alles Rosatönen und Nebelbänke, die sich durch die Täler zogen. Da mussten wir uns doch mal kurz kneifen, bei so viel Schönheit.

Kuertunturi

Wenn du also auch nur ein winziges bisschen Kondition besitzt, dann solltest du diese Schneeschuhwanderung unbedingt ausprobieren. Leider habe ich nirgendwo eine offizielle Beschreibung gefunden – ist ja schließlich „clearly marked“, äh nicht – aber wenn du die kleine Ortskirche passierst und dich immer nach oben orientierst, dürfte das kein Problem werden.

Schneeschuhwandern Ylläs

Unsere Schneeschuhe hatten wir übrigens bei Sportia Ylläs ausgeliehen. Das kann ich dir definitiv auch empfehlen. Die Schneeschuhe hatten eine tolle Qualität und sahen aus wie neu. Und sie haben den Aufstieg definitiv um einiges erträglicher gemacht. Bergauf haben wir mit vielen Foto- und Zweifelstopos knappe zwei Stunden gebraucht, unten waren wir dann in einer guten halben Stunde. Du könntest die Wanderung also gut in zwei bis drei Stunden schaffen – falls du dich so schnell von den Gipfelblicken losreißen kannst.

2 Winterwandern um und auf dem Kesänkijärvi

Nachdem wir doch ein bisschen Schneeschuhgeschädigt waren und sowieso noch den letzten Bus am Tag nach Kolari bekommen mussten, entschieden wir uns für eine „kleine“ Winterwanderung. Von unserem Hostel aus sind wir mit dem Taxi bis an das nördliche Ende des Sees gefahren. Dort startet dann ein kleiner Wanderweg durch den tief verschneiten Wald. Ab und zu geben die Bäume den Blick auf den zugefrorenen und zugeschneiten See frei. Eine einmalige Kombination, vor allem mit dem andauernd rosa gefärbten Himmel.

Wandern Kesänkijärvi

Ganz auf der anderen Seite des Sees ist dann erstmal Schluss mit Wanderweg. Stattdessen wartet eine gemütliche Holzhütte auf dich, in der du dir einen heißen Tee, leckere Pfannkuchen oder deine selbst mitgebrachten Sachen schmecken lassen kannst.

Kesänkijärvi Wandern

Nachdem wir also gestärkt und aufgewärmt waren, wollten wir ganz einfach an der anderen Seite des Sees zurücklaufen. Aber nix da, auf einmal gab es nur noch Langlaufloipen um uns herum. Und auf denen solltet ihr euch als Wanderer lieber nicht herum treiben. Was blieb uns also übrig? Wir konnten ja wohl kaum den gleichen Weg zurück wie hin wählen. Also haben wir es einigen Skifahrern und Wanderern vor uns gleich getan: Einmal quer drüber über den See. Alles was bis dahin schon ziemlich beeindruckend in Lappland war, wurde damit nochmal getopt. Die Stille, der Ausblick, das Licht – einfach alles war perfekt.

Äkäslompolo Wandern

Betritt einen zugefrorenen See übrigens nur, wenn du schon ein paar Leute darauf siehst. Der Schnee, der sich auf der Eisdecke ansammelt, kann schnell verdecken, dass das Eis gar nicht dick genug ist, um dich zu tragen.

Lappland, wir sehen uns wieder!

Danach war unserer Kurztrip in den echten Winter leider schon wieder so gut wie zu Ende. Glücklicherweise haben wir uns auf dem Rückweg ein (überraschend günstiges) Bettupgrade gegönnt und sind ausgeruht morgens um sechs in Helsinki angekommen.

Schneeschuhwandern Ylläs

Wenn du bisher dachtest, Winter ist so überhaupt nicht dein Ding oder dir die immer gleichen Berge ein bisschen zum Hals raus hängen, dann schnapp dir den nächsten Flug nach Finnisch-Lappland. Du wirst garantiert überwältigt sein.

Warst du auch schon mal in Lappland? Oder ziehst du andere Winter-Destinationen vor?

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2 Comments to "Lappland – ein Wintermärchen"

  1. Antworten rike 27. April 2016 at 15:29

    Grandios, bei eurem Beitrag bekomme ich direkt wieder Schwedenweh… Bis Mitte Juni muss ich mich noch gedulden, dann kann ich endlich wieder nordische Luft schnuppern. Danke für´s Erinnerungenhochholen und Lapplandsehnsucht hervorrufen 🙂

    • Saskia&Johann
      Antworten Saskia&Johann 4. Mai 2016 at 17:06

      So lange ist der Juni ja glücklicherweise nicht mehr hin, da bin ich schon sehr gespannt auf deine Berichte und die sommerlichen Eindrücke aus Lappland. Viele Grüße, Saskia

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