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Pilgerreise auf dem Jakobsweg

Jakobsweg

„Jeder sagt seinen Namen, sein Alter, wo er herkommt und warum er hier ist.“ sagte der Herbergsleiter unserer ersten Pilgerunterkunft im französischen Orisson. Attila, 48, Österreich, spirituelle Gründe. Rika, 24, Japan, Europa kennenlernen. Bomba, 25, Italien, für die Gesundheit. 

Über uns war auf den ersten zehn Kilometern ordentlich der Regen niedergegangen, als wir nach dem Erwerb eines Pilgerpasses und einer Jakobmuschel als Erkennungsmerkmal am Rucksack den Weg ins ca. 800 km entfernte Santiago de Compostela antraten. Gestartet waren wir, wie die meisten Pilger, am Fuße der Pyrenäen in Saint-Jean -Pied-de-Port. Eigentlich wären wir gern noch ein paar Kilometer weiter vorangekommen, doch die nächste Herberge war weitere 20 km entfernt und die beginnende Blase an Eriks rechtem großen Zeh sowie die Information, dass alle Pilger bei jetzt beginnendem Schneefall nach Einbruch der Dunkelheit aufgesammelt und an den nächstmöglichen Ort gebracht würden, stimmte uns um.

Start auf dem Camino Frances

Und da waren wir. Da alle Betten bereits belegt waren, mussten wir in einem der Zelte hinter der Herberge Platz nehmen. Zum vollen Preis, versteht sich. Und da das zugegeben köstliche Pilgermenü hier 15 Euro kostete, hatten wir das uns selbst gesetzte Tagesbudget bereits um satte 100 Prozent übertroffen. Johann und Erik, 19, Deutschland, just for fun. Nur um euch die Antwort nicht vorzuenthalten.

Jakobsweg Herberge Pyrenäen

Der 1993 zum UNESCO Welterbe ernannte Camino Frances führt dich durch den Norden Spaniens und ist der klassische Jakobsweg. Seit knapp 1000 Jahren pilgern Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen zum Grab des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela. Zufällig befanden wir uns in einem sogenannten heiligen Jahr auf dem „Camino“. Das ist immer dann der Fall, wenn der Jakobustag am 25. Juli auf einen Sonntag fällt. Warum sich das lohnt? Weil man dann, wenn man die letzten 100 km zu Fuß oder Pferd oder alternativ die letzten 200 km vor Santiago mit dem Fahrrad zurückgelegt hat, beim Durchschreiten der Pforte der Kathedrale einen vollständigen Ablass von allen Sündenstrafen erhält. Wen das nicht erleichtert, dem nimmt der Weg aber zumindest ein paar Kilo ab. Versprochen.

Unvergessliche Unterkünfte auf dem Jakobsweg

Am nächsten Tag unser insgesamt siebenwöchigen Wanderung führte uns der Weg in die Abtei von Roncesvalles, eine meiner absoluten Lieblingsunterkünfte. Den verschiedenen Herbergen sollte man definitiv einen eigenen Artikel widmen, da gibt es einfach viel zu viel zu erzählen, was Lust auf mehr macht. In der Abtei bekommst du in einem mittelalterlichen Schlafsaal mit 120 Betten eine beeindruckende Schnarchakustik geboten. Was einem sonst den letzten Nerv raubt, kann man hier mal richtig genießen. Zumindest solange das nicht jeder macht, weil sonst ja keiner mehr schnarcht…

Jakobsweg Roncesvalles

Am nächsten Morgen haben wir es dann nach ausgiebigem Frühstück wie so häufig geschafft, die Herberge als Letzte zu verlassen. Als wir die letzten vier der 240 Schuhe vom Ständer nahmen, kam Erik nicht mehr in seine herein. Kurze Zeit später war klar, dass jemand genau die Art Schuhe zwei Nummern zu groß anhaben musste. Also haben wir aus alten Plastiktüten und Tape ein paar Schuhe gebastelt und uns dann auf die Suche nach dem Schuhdieb gemacht. Ein ca. 60 Jahre alter Herr aus Belgien fiel uns ein paar Kilometer weiter dann an seinem unrunden Gang bereits von weitem auf. Den Schuhtausch haben wir dann schnell vollzogen, noch ein Foto mit Erik und dem Tollpatsch und dann wünscht man sich einen „Buen Camino“, wie Pilger das so untereinander machen.

No Vino No Camino

Was auf dem Jakobsweg auch allgemein gültiges Gesetz ist: „No vino, no camino“. Ohne Wein, kein Weg. Und so kommt es dann auf dem Klostergut Bodegas Irache hinter dem beschaulichen Städtchen Estella dazu, dass man sich kostenlos am sogenannten Weinbrunnen bedienen kann. Trinken kann man, ohne jedoch zu saufen, will man den Wein mitnehmen, so soll man ihn kaufen. Naja, wir sind sowieso eher die Biertrinker gewesen. An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass man den Camino aus jedem erdenklichen Grund gehen kann. Um jedoch abstinent zu werden, sollte man lieber nicht durch die spanischen Weinanbaugebiete schlendern. Wir haben da ein paar Leute getroffen, die dieses Ziel nicht nur knapp verfehlt haben.

Jakobsweg Astorga

Auch architektonisch hat der Jakobsweg einiges zu bieten. Nicht nur, dass im Prinzip jede Stadt, die etwas auf sich hält, ihre eigene Kathedrale hat. Von denen solltest du dir die in Burgos, Leon und wie sollte es anders sein Santiago auf jeden Fall ansehen. Es gibt darüber hinaus auch romantische Brücken, wie in Hospital de Orbigo und mein persönlicher Favorit in Puente la Reina. Oder Ausgefallenes, wie eine Herberge in Cabacellos. Dort hat man Schlafkabinen für je zwei Personen im Kranz um eine Kirche gebaut. Aus der Luft sieht das bestimmt gut aus. Mein Lieblingsgebäude ist allerdings der Bischofspalast in Astorga, dessen Bau Antoni Gaudi persönlich überwachte und dessen Charme der Sagrada Familia in nichts nachsteht.

Noch eine Möglichkeit, deine Sünden loszuwerden

Zum guten Brauch des Weges zählt auch sich von zu Hause einen Stein mitzubringen, um diesen am Cruz de Ferro am Monte Irago abzulegen. Diesen legt man als Symbol der auf dem Camino gelassenen Sünden ab, was in unserem Fall belanglos war, da wir ja die Sünden aufgrund des heiligen Jahres eh noch loswerden sollten.

Cruz de Ferro

Nachdem wir, endlich in Santiago angekommen, der legendären Pilgermesse beigewohnt hatten und unsere Pilgerurkunde durch das Vorzeigen des an jedem Ort gestempelten Pilgerpasses erhielten, sollte man meinen, dass das Beste hinter uns lag. Tatsächlich kannst du deine Reise jedoch um drei Tagesetappen verlängern und durch die Eukalyptuswälder zum westlichsten Punkt des europäischen Festlandes nach Finisterra, dem „Ende der Welt“ wandern.  Dort empfiehlt es sich einfach den Schlafsack am Kap auszubreiten und beim sanften Rauschen des Meeres die verlebte Zeit revue passieren zu lassen.

Jakobsweg Kathedrale

Tipps für deinen Jakobsweg

Falls du jetzt Lust bekommen hast, deinen Rucksack zu packen, die Wanderschuhe zu schnüren und dich auf den Weg nach Santiago zu machen, dann haben wir hier noch ein paar praktische Tipps für dich:

1 Ein Zelt lohnt sich nicht! Wir hatten eins mit, haben es in sieben Wochen einmal benutzt und total das Feeling der Herberge vermisst. Also zu Hause lassen!

2 Ein erfahrener Pilger hat so wenig wie möglich dabei. Der Rucksack sollte ein Zehntel des Körpergewichts nicht zu weit überschreiten! Dein Rücken und deine Laune werden es dir danken.

Jakobsweg Punta de la Reina

3 Bei der Etappenplanung solltest du dich nicht überschätzen. Mehr als 20 bis 25 km solltest du nicht einplanen pro Tag. Schon klar, man schafft mehr. Aber du willst die Zeit ja genießen und auch mal etwas mit deinen neu gewonnenen Freunden rasten.

4 Die letzten 100 km vor Santiago sind meist relativ überfüllt, da das die kleinste Strecke ist, die du laufen musst, um die Urkunde zu bekommen. Das echte Weg-Feeling bekommst du an anderen Stellen, also beschränk dich wenn möglich nicht nur darauf!

Na dann – buen camino!

Buen Camino Jakobsweg

P.S. Wenn du auf der Suche nach detaillierten Informationen bist, um deine Pilgerreise vorzubereiten, solltest du definitiv auf dem Jakobsweg-Blog von Christoph vorbei schauen. Dort findest du auch Informationen zu anderen Pilgerstrecken nach Santiago des Compostela.

Warst du auch schon auf einer Pilgerreise? Willst du dich den Pilgermassen auf dem Camino Frances anschließen oder andere, weniger bekannte Wege gehen?

4 Comments to "Pilgerreise auf dem Jakobsweg"

  1. Antworten Tabitha 5. April 2016 at 22:36

    Ein Bekannter von mir ist den Weg auch schon gegangen. Die Geschichten von unterwegs sind wirklich klasse. Und wie lustig ist die Schuhtauschgeschichte 🙂

    • Saskia&Johann
      Antworten Saskia&Johann 6. April 2016 at 6:00

      Die Geschichten sind wirklich das Beste, kein Wunder, dass es mittlerweile so viele Bücher über den Jakobsweg gibt. 😉

  2. Antworten Anna 6. September 2016 at 13:46

    Wunderbare Fotos. Eine Bekannte von mir hat auch gerade einen Teil des Jakobswegs gewandert. Spannend! 🙂

    Herzlich,
    Anna

    • Saskia&Johann
      Antworten Saskia&Johann 6. September 2016 at 17:37

      Danke für das Kompliment. Tatsächlich haben wir bei der Bilderauswahl Blut und Wasser geschwitzt, weil die Wanderung zu einer Zeit stattfand, in der wir gute Fotos irgendwie unnötig fanden… 😉 Liebe Grüße, Saskia

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