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Torotoro-Nationalpark

„Vamos chicos“ ruft der Fahrer unseres Kleinbusses in die Runde, während wir die letzten Happen unseres Mittagessens runterschlucken. Damit wäre die fünfzehnminütige Pause, die uns auf der ungeteerten Straße zwischen Cochabamba und Torotoro gegönnt wurde, vorüber. Zwei weitere Fahrstunden liegen noch vor uns, ungefähr die halbe Strecke. Dann kämpfe ich mich zurück auf meinen Platz im Kofferraum des „Trufis“ (ein kleiner 12-Sitzer-Bus, welcher immer mindestens mit 15 Personen gefüllt wird…). Links von mir, Saskia. Sie zögert keine Sekunde, um mir ihr Missfallen über meine Mittagskombination aus weichgekochtem Ei, Nudeln mit Ei, Pilzen mit Ei und Reis auszudrücken, welche ich soeben am Straßenstand gegessen habe.

Das Ganze hat nicht mal einen Euro gekostet und mein Magen wurde in den vergangenen 4 Wochen Bolivien nicht erst einmal getestet, denke ich mir. Zu meiner Rechten eine junge Dame mit einer einen Monat alten Ziege auf dem Schoß. Ja eine Ziege. Diese steht hin und wieder auf, schaut verdutzt drein und muss sich alle 5 Minuten meine Streicheleinheit gefallen lassen. Ihre Besitzerin schläft unterdessen viel, vielleicht ist sie aber auch ohnmächtig von der Hitze, die sich bei fehlender Klimaanlage und Fensteröffnung besonders in den hinteren Reihen bemerkbar macht. Für meinen Magen oder die Ziege bleibt insgesamt allerdings wenig Aufmerksamkeit. Auch die atemberaubende Landschaft, Steinformationen mit ineinander verschmelzenden perfekten Linien, Schluchten, Bäume, all diese sind nebensächlich. Warum? Weil unser Fahrer von etwas angetrieben wird. Weil unser Fahrer meint, vor einer uneinsehbaren Kurve bis zu sechs (!) Fahrzeuge überholen zu müssen. Ich verweise hin und wieder laut auf die jungen Leute im Auto, die noch was erleben wollen. Und die Ziege, die hat ja auch noch was vor. Am Abend lassen wir die letzten zwei Tage im wunderschönen Torotoro Nationalpark Revue passieren. Die waren, so verrückt das jetzt klingt, all die Strapazen wert.

Tag 1: Canyon-Tour im Torotoro-Nationalpark

Am ersten Morgen ist Eile angesagt. Wir müssen schließlich pünktlich um 8 Uhr einen der Guides abbekommen, die sich in einem Büro nahe des sogenannten „Kolosseums“ einfinden. Einen lokalen Guide zu nehmen, ist Pflicht und kostet für maximal 6 Personen 100 Bolivianos. Das sind rund 14 Euro. Zusätzlich muss jede Person noch einmalig 100 Bolivianos Nationalparkeintritt löhnen. Kurze Zeit später sind wir mit E. per Du und auf dem Weg zum ersten Tageshighlight: uralten Dinosaurierspuren. Die Standardfrage „Do you speak english?“ hatte E. beantwortet, indem er eine fast nicht sichtbare Distanz zwischen Daumen und Zeigefinger anzeigte. Ein paar Brocken Spanisch schaden in Bolivien nie, die schmerzhaft gepaukte Grammatik macht sich heute wieder bezahlt. Und so kann E. wie ein Wasserfall über die Saurierspuren reden, über große und kleine, Vorderpfoten und Hinterpfoten.

Als wir ein paar „kleine“ Abdrücke direkt neben großen sehen erläutert E., dass der Kleine den Großen gefressen habe. Der Großfüßler wäre wohl Vegetarier gewesen. Unsere Frage, weshalb alle Abdrücke in dieselbe Richtung gehen, wird schnell beantwortet. Die Saurier sind alle nach Norden gewandert, um dem aus Süden näherkommenden Wasser zu entfliehen. Hier wo wir jetzt stehen, stand vor Millionen von Jahren mal alles unter Wasser, dann war wieder mal alles Wüste und dann wieder eine Zeit lang Wasser. „Unvorstellbar“ murmeln wir und entfernen uns langsam von den Spuren, welche die Wettereinflüsse nach und nach langsam verschwinden lassen. Leider fehlt hier das Geld, um diese Zeugnisse vergangener Zeiten zu bewahren. Einen Plan haben die Torojaner aber dennoch: das ganze Gebiet ist voller Dinosaurierspuren, da legen sie in ein paar Jahren eben andere frei und können wieder Touristen aus aller Welt zum Staunen bringen.

Wir ziehen weiter flussabwärts in Richtung unseres Hauptziels: dem Canyon. Vorbei an Gesteinen, die einen mit ihrer Vielschichtigkeit den Wechsel von Wasser und Wüste an diesem Ort eindrücklich verdeutlichen, lotst uns E. auf eine Aussichtsplattform, die einem den Atem raubt. Das tut sie einerseits, weil man das Gefühl hat, hier einem nahen Verwandten des amerikanischen Grand Canyons zu Gesicht zu bekommen. Aber auch weil man durch das Gitter, auf dem man steht, einige hundert Meter in die Tiefe schauen kann. Eine Vielzahl Fotos später nehmen wir uns der Sache dann an und steigen an die 900 Stufen abwärts in Richtung des canyonformenden Flusses, grandiose Ausblicke inklusive. Unten angekommen, geht die Fotoshow munter weiter, man kann hier baden oder sich von den kleinen Wasserfällen den Rücken massieren lassen.

Leider ramponiert Steven, der seit eineinhalb Monaten mit seiner Freundin und uns eine schwer zertrennliche, täglich Doppelkopf spielende Reisegruppe bildet, in den Tiefen des Canyons unser Kameraobjektiv. Der Frust über das Geschehene setzt Kräfte frei. Wir stapfen alle vier weit vor E. die Stufen wieder nach oben. Kurzer Ausblick in die Zukunft: das Objektiv konnte in Cusco, Peru, später nach langer Suche ersetzt werden. Es ist zwar rosa, macht aber schöne Bilder. Unsere Kamera hat jetzt den schwarz-rosa-Weltreiselook. Wieder zum Canyon: vor dem Aufstieg konnten wir uns entscheiden, ob wir unseren Trip noch um ungefähr vier Stunden erweitern wollen, statt Canyonstufen ginge es dann flussaufwärts nach Torotoro, vorbei an noch mehr Saurierspuren. Unser bedrohlich niedriges Kaffee-Keks-Level lässt uns heute die schelle Variante wählen. Der Umweg hätte auch nochmal 100 Bolivianos extra gekostet für die gesamte Gruppe. Mit E. vereinbaren wir noch schnell am folgenden Tag unsere Ciudad-de-Itas-Tour wieder gemeinsam zu machen, irgendwie haben wir uns aneinander gewöhnt.

Tag 2: Ciudad de Itas im Torotoro-Nationalpark

Der zweite Tag wird wieder sehr bolivianisch. Positiv-bolivianisch. Unter den verschiedenen Touroptionen haben wir uns für eine Wanderung entlang verschiedener Höhlen und Präinkaspuren entschieden. Anschließend steht die Besichtigung der größten bolivianischen Höhle inklusive Stalaktiten und Stalagmiten auf dem Tagesprogramm. Geografie zum Anschauen und Anfassen also, los geht’s! E. ist heute bolivianisch-pünktlich, was in Deutschland eine halbe Stunde zu spät bedeutet. Unsere Vierergruppe ist auf sechs Personen angewachsen, da sich zwei Israelis zu uns gesellt haben. Niedrigere Preise für alle also, bekommt uns ganz gut, da diese Tour sechsmal so teuer ist wie die gestrige. Zunächst fahren wir auf die sogenannten „Dinosaurierzähne“ zu, einer Abfolge von riesigen grauen Steinen, die in Kombination ein gewaltiges Dinosauriergebiss ergeben.

Nach einer halben Stunde sind wir am Ausgangspunkt unserer zweistündigen Wanderung angelangt. Diese führt an verschiedenen Gesteinsformationen vorbei, die nahezu alle nach Tieren benannt sind. Mit etwas Phantasie erkennen wir eine große Schildkröte, auf der wir uns alle in Sprung-Fotos versuchen, wenig später einen Elefanten. Auch viertausend Jahre alte Höhlenmalereien aus der Präinkazeit werden von E. sorgfältig erläutert und von uns bestaunt. Als wir in einer der letzten Höhlen stehen, sollen wir nach oben schauen, um dort die Form eines gigantischen Penis zu bewundern. Man kann sich aus den von der Natur wild zusammengewürfelten Steinen vieles zusammendeuten, sogar das Natürlichste. Nachdem wir jetzt alles vom Boden aus beobachtet haben, klettern wir die sorgfältig an den Steinen befestigten Leitern hinauf, für den ultimativen Blick von oben über das Tal. Die Aussicht hat es in sich, Bäume, Steine und die schier unendlichen Weiten fühlen sich irgendwie nach Freiheit an.

Davon ganz eingenommen, wandern wir zum Auto zurück und machen an einer kleinen, verlassen aussehenden Hütte erstmal eine Mittagspause. Die Picknicktaschen ausgepackt, weht uns bald der Geruch eines köstlichen Schnitzels mit Reis und Pommes (Bolivianer sind Beilagen-Kombinier-Weltmeister…) um die Nasen. In Bolivien gibt es prinzipiell immer und überall genug Essensangebote zum kleinen Preis. Sich etwas mitzunehmen lohnt sich fast nicht, unsere Brötchen mit Avocado tun ihren Zweck allerdings auch und wir sind schließlich satt und ja, mittagsmüde. Kein Problem denken wir uns, wir schauen noch schnell die große Höhle an und ab ins Hostel zu Kaffee, Kuchen und Karten.

Als wir an der Höhle nach fast einem Kilometer Wanderung ankommen, werden zu allererst Helme mit Lampen verteilt. Durch die Blume heißt das in einem Land, in dem Sicherheitsvorkehrungen nicht all zu groß geschrieben werden, dass es gleich ernst wird. Diesen Gedanken nicht ganz zu Ende gedacht, begegnet uns schon die erste verschwitzte und irgendwie verbraucht aussehende Gruppe, die gerade aus der Höhle kommt. „Viel Glück“ ruft uns einer zu, während wir den Eingang zur Höhle betreten. Was folgt, ist ein Beispiel bolivianischen Understatements und der seltsamen Gabe, gigantische Touristenattraktionen einfach nicht vermarkten zu können/wollen. Nach ein paar Einführungsworten tauchen wir für eineinhalb Stunden in die dunkle Höhle ab. Von Anfang an quetschen wir uns durch enge Felsspalten, vorbei am gigantischen Stalaktiten-Stalagmiten-Schauspiel, hinunter zu mit blinden Fischen gefüllten Gewässern. Die Stalaktiten sind teilweise zwei Meter lang, bei einem Wachstum von einem Millimeter alle 20 bis 30 Jahre ist hier wohl schon länger nichts passiert.

Auch hier wird wieder viel gedeutet, Stalaktiten/Stalagmiten in Sektglasform, als Weihnachtsbaum oder auch mal ein ganzer Wald. Geschlechtsteile finden sich hier nicht, wäre doch sicher auch lustig. An einem Ort, der einer großen unterirdischen Halle gleicht, machen wir Halt und unser Guide demonstriert uns die Resonanz mit einem inbrünstig gesungenen, bolivianischen Volkslied. Nachdem unser anerkennender Applaus verstummt ist, setzen wir uns auf den sandigen Boden, einen Ort, den man hier in der Höhle als den „Strand“ bezeichnet. E. fordert uns auf unsere Stirnlampen auszuschalten. Dunkelheit. Absolute Dunkelheit. „Seht ihr, so fühlen sich Blinde…“ meint E. Um einen Perspektivwechsel reicher, machen wir uns an der engsten Stelle der Höhle vorbei, immer weiter in Richtung Ausgang. Dort angekommen sind wir stolz, froh, müde, irgendwie alles auf einmal. Auch etwas Verärgerung ist dabei, da Leute, bevor sich der Nationalpark Ende der 1980er Jahre der Höhlen angenommen hat, Stalaktiten zerstört haben. Einige hätten sich wohl ein paar Exemplare als „Trophäe“ mit nach Hause genommen. „Ärmlich“ denken wir uns und schauen, ob unsere Bilder die Imposanz der Höhle ausdrücken können. Völlig überwältigt von den Ereignissen kommen wir gegen 17 Uhr zufrieden und ausgelaugt am Hostel an.

Tipps für deine Reise in den Torotoro-Nationalpark

Torotoro lohnt sich. Die angebotenen Aktivitäten wären in anderen Teilen der Welt mit Sicherheit um einiges teurer. Eine Höhlentour so ganz ohne Notausgänge wäre wohl nicht überall zugelassen. Die Torojaner gaben uns nie das Gefühl, Touristen zu sein. Man wollte uns nie irgendetwas Überteuertes andrehen oder hat uns wie von einer Tarantel gestochen versucht, in ein teures Restaurant zu lenken. Im Prinzip ist das keine alleinig torianische Stärke, sondern eine bolivianische. Nicht zuletzt deshalb wurden bei uns aus einer geplanten Bolivienwoche schließlich sechs. Wenn auch du jetzt für Torotoro Feuer gefangen hast, dann bau den Trip auf deiner Bolivientour unbedingt ein. Hier noch ein paar Tipps, die wir ganz hilfreich finden:

  • Torotoro ist eine vierstündige Fahrt von Cochabamba entfernt, die Trufis fahren, sobald sie voll sind, an der Ecke Avenida Républica/Calle Mairana ab
  • Nimm ausreichend Bargeld mit, in Torotoro sind die Möglichkeiten, an Geld zu kommen, beschränkt.
  • Insektenschutzmittel und Sonnencreme sollten unbedingt Bestandteil deines Equipments sein, die kleinen Biester haben es in sich.
  • Torotoro ist klein, hat aber genügend Hostels, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten, sodass es dir an nichts Grundsätzlichem mangeln wird.
  • Wie in ganz Bolivien gilt: ohne Spanisch überlebst du, mehr aber auch nicht. Jeder Brocken bringt dich extrem weiter.

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