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Sechs Monate Weltreise – ein Zwischenfazit

Am 29. Dezember 2016 sind wir in Frankfurt in den Flieger gestiegen, um in das bisher größte Abenteuer unseres Lebens zu starten: ein Jahr ohne Verpflichtungen, ohne Termine, dafür aber mit viel Zeit und ein bisschen Geld, um dahin zu reisen, wohin es uns zieht und erst zurück zu kommen, wenn das Heimweh uns lockt. Seit diesem Tag sind ganz genau sechs Monate vergangen. Ein halbes Jahr, das so schnell wie nie zuvor verging und in dem wir doch so viel erlebt haben, dass es für mehrere Jahre reicht. Um dir einen kleinen Einblick zu gewähren, was in einem halben Jahr Weltreise so passiert, haben wir sechs Statistiken herausgekramt:

Sechs Länder in sechs Monaten

Weltreise. Das heißt doch, dass man jedes Land der Welt besucht, oder? Also machen wir mal einen Überschlag: die Welt hat Phi mal Daumen 200 Länder. Ein Jahr hat hin und wieder 365 Tage, das ist jetzt mal die Zeit, die wir mindestens brauchen wollen. Da bleiben uns ungefähr 1,8 Tage pro Land. Sportlich. Wir können nach ca. 180 Tagen heute mit Stolz verkünden, dass wir ca. 100 Länder besucht haben. Ich sage „ca.“ weil man ja jetzt bei 1,8 Tagen pro Land nicht noch erwarten kann, dass wir uns an jedes erinnern. In Nauru (Ja, das ist ein Land!) konnten wir nur 23 Sekunden bleiben, da wir durch unseren Gabelflug mit einer siebenstündigen Umsteigezeit schon einen Großteil der 1,8 Tage verbraucht hatten. Das klingt alles überzogen, klar.

Wenn du Weltreisende triffst, dann kannst du sie in zwei Gruppen teilen: solche, die möglichst viele Stempel in ihren Pässen haben wollen („Ich will bis zu meinem 30. Geburtstag 50 Länder besucht haben. In Argentinien waren wir 2 Tage. Argentinien ist ein schönes Land, und was wir da alles erlebt haben…“) und die, die ständig irgendwo feststecken („In Bolivien hatten wir 2 Wochen geplant. Da sind wir jetzt leider schon 4 Wochen drüber…“). Ja, wir gehören zu den Steckern. Und ja, das zweite Zitat ist von uns. Wir haben bis heute insgesamt 6 Länder besucht: Australien, Neuseeland, Argentinien, Chile, Bolivien und Peru. Am kürzesten waren wir in Argentinien (2 Wochen), am längsten in tatatatataaaa: Bolivien (6 Wochen). Hättest du bei der Liste gerade nicht gedacht, oder? Tja, wir auch nicht. Wir sind stolze Trödler. Wenn man sich vor Augen hält, wie lange es dauert, eine Person wirklich kennenzulernen, kann man sich ausmalen, wie lange man für ein ganzes Land braucht. Wir wollen bei unserer Abreise immer sagen, dass wir einen groben Überblick haben, was in unserem Reiseziel so abgeht, wie die Menschen so drauf sind. Klar gelingt das nicht immer. Jetzt weißt du, wie wir so ticken. Ach ja die Rechnerei: für die 200 Länder brauchen wir wohl um die 17 Jahre. Im Jahr 2034 kann man in  Deutschland wieder mit uns rechnen.

26 Montage ohne Arbeit oder Universität

Kaum waren wir in den freitäglichen Feierabend gestartet, klopfte am Sonntagabend auch schon wieder die neue Woche und damit Arbeit und Unistress an die Tür. Seit einem halben Jahr sieht unser Alltag ganz anders aus: eigentlich ist für uns ziemlich egal, welcher Wochentag gerade ist. Jeder Tag ist ein bisschen anders und hat ganz grundsätzlich das Potenzial, unser nächstes Abenteuer bereitzuhalten. Wir haben keine Verpflichtungen, keine Arbeit, keine Uni die auf uns wartet. Das ist wohl so ziemlich das größte Glück auf unserer Weltreise: wir können jeden einzelnen Tag, jede Stunde so verbringen, wie wir es uns wünschen. Einen ganzen Tag im Bett bleiben, den Ort wechseln, in ein anderes Land fahren, die nächste Trekkingtour planen, einkaufen gehen – keine Termine bestimmen unseren Alltag, höchstens das Wetter und die Busfahrpläne. Und an Montage müssen wir nur denken, wenn wir mal wieder verpeilt haben, dass wir am Sonntag nichts einkaufen können.

27 Rucksacklöcher

Als wir unsere, zugegeben, nicht ganz billigen Rucksack-Ferraris gekauft haben, wäre uns nie in den Sinn gekommen, auch nur einen Aufnäher auf einen der beiden zu nähen. Wir fanden das immer etwas kitschig. Nach 6 Weltreisemonaten müssen wir jedoch feststellen, dass nicht jeder Patch aus der großen Zuneigung für das Reiseziel den Weg auf den Rucksack findet. Heute glauben wir viel mehr, unsere Rucksäcke werden zu einem Großteil durch die Aufnäher zusammengehalten. In ein paar Zeilen wirst du das sicher verstehen:

Saskias Rucksack kommt auf unglaubliche 14 Löcher. Sie hat das Rennen nach der reinen Lochanzahl zwar „gewonnen“, berücksichtigt man jedoch auch die Lochgröße, dann steht es mindestens unentschieden. Schauplatz Nummer 1: Chile, Torres del Paine, Patagonien, Campo Francés. Gegen 6.00 Uhr morgens wachen wir in der Dunkelheit in unserem Zelt auf, um möglichst früh auf unsere Tagesetappe in Richtung Basecamp der drei Torres zu starten. Ich öffne den Reisverschluss zum Vorzelt und sehe ein ca. 1,5 cm großes Loch in Saskias Rucksackkopfteil. Daneben der kleine Restfaden von unserer am Vortag verzehrten Chorizo. Daneben übrigens etwas MäuseAA, aber ich verzichte hier lieber auf Details. Beim näheren Hinschauen fallen an der gesamten Vorderfront der Backpacks diverse Löcher auf. Offensichtlich hatte sich in dieser Nacht die Mäusearmee des Campo Francés zum Ziel gesetzt, mit allen Mitteln an unseren in Saskias Rucksack vergessenen Müllbeutel zu gelangen. „Dann müssen die ersten Aufnäher wohl sein…“ sagen wir uns am Ende des Frühstücks noch leicht geknickt. Beim weiteren Rumfragen hatten in dem Camp Einige Probleme mit den kleinen Biestern, bei dem ein oder anderen waren sie sogar im Schlafsack…

Schauplatz Nummer 2: Bolivien, Chiquitania Region, irgendwo im Nirgendwo. Heute geht es meinem Rucksack an den Kragen. Als wir unsere Rucksäcke nach und nach auf das Dach des Trufis reichen, ahne ich noch nichts von der Zahl 13, die heute noch bedeutend für mich wird. Die 13 hat ja sowieso so ein marodes Image. Auch heute sind wir natürlich wieder viel zu schnell unterwegs für den Beladungszustand des Buses und die Straße, auf der wir uns bewegen. Da es diesmal allerdings fast nur geradeaus geht, stört uns das etwas weniger und wir dösen alle vor uns hin. Auf einmal gibt es einen Knall und wir bemerken, wie bei um die 100 km/h etwas vom Dach fällt. Zugegeben, das Rätsel ist an dieser Stelle einfach zu lösen, es handelte sich natürlich um meinen Rucksack. „Stooooop!“ schreien wir lauthals. Mein Rucksack liegt letztlich im Straßengraben. Schleifspuren, Risse und Löcher verweisen allerdings auf längeren Kontakt mit Bordstein und Straße. Der bolivianische Fahrer hat es wohl nicht für nötig gehalten, unsere Rucksäcke auf dem Dach auch festzuschnallen. „So schwere Rucksäcke werden schon nicht vom Dach fallen“ dachte er. Geld gab es von uns dann für diesen Trip nicht, so bolivianisch sind wir beim Verhandeln dann doch. „Wie viel Löcher sind es denn?“ fragt Saskia. „13. Mit denen fahren wir nie wieder!“ grummle ich. Fun-Fact: Drei Tage später sind wir natürlich wieder mit selbigem Unternehmen gefahren. Wie von Geisterhand gab es neue Seile und Planen auf den Kleinbussen, warum das wohl so war…

50 Nächte im Zelt

Lange haben wir vor unserer Weltreise hin und her überlegt, was wir denn alles für ein Jahr auf unseren Schultern tragen sollen. Klamotten brauchen wir nicht viele, mit Medikamenten, Schuhen und weiterem Kleinkram passt das alles in Saskias 55l-Rucksack. Nur was verbirgt sich dann in Johanns Backpack? Eine komplette Zeltausrüstung. Ganze 65 Liter nehmen Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Kopfkissen und Kochequipment ein. Ob sich das lohnt? So ganz sicher waren wir uns vor unserer Abreise nicht, aber nach einem halben Jahr können wir sagen: es gibt nichts Besseres. Allein in Neuseeland haben wir 28 Nächte im Zelt verbracht. Damit haben wir nicht nur eine ganze Menge Geld gespart, sondern konnten auch mitten in der schönsten Natur übernachten, wo nicht mal das teuerste Hotel einen Platz hatte. Auch wenn wir hier in Südamerika alles andere als Hardcore-Camper sind, ist es für uns doch das beste Gefühl der Welt unser kleines Zuhause im Gepäck zu haben. So können wir jederzeit trekken gehen, ohne uns schlechte, aber überteuerte Ausrüstung ausleihen zu müssen. Falls wir mal keine schöne und günstige Unterkunft finden, können wir einfach auf unser mobiles Zuhause zurückgreifen, ein freies Plätzchen findet man damit in fast jedem Ort. Gerade für Neuseeland und Südamerika würden wir daher jedem Weltreisenden empfehlen, das Extragewicht in Kauf zu nehmen und die Campingausrüstung in den Rucksack zu quetschen.

Sieben verlorene Gegenstände (+ ein paar Socken)

Es tut uns weh, diese zugegeben vielen Wunden wieder zu öffnen. Johann ist so ein Typ, bei dem das billigste Teil einen Namen bekommt und sofort unzertrennlich zur Reisegruppe dazugehört. Den Espressokocher haben wir beim Packen zu Hause vergessen. Vom in Australien neu Erworbenen, haben wir erst den Griff am Deckel auf unerklärliche Weise verloren. Dann haben wir auf einem Herd den Griff angesengt, sodass dieser doppelt so lang war. Deshalb stand das Oberteil, in das der Kaffee schließlich reinfließt, auf Oberflächen nicht mehr gerade und hat gekippelt. Das hat in unserem Campervan beim Fahren dann immer zu einer lebhaften Geräuschkulisse geführt. Meistens haben wir es eine halbe Stunde ausgehalten, bevor wir fluchend angehalten haben und den Kocher auf links gelegt haben. Es ist wirklich jeden einzelnen Morgen passiert. Wo der Kocher geblieben ist? Den haben wir schließlich in Matamata auf dem Campingplatz vergessen, nachdem wir noch voll in Trance waren von dem üppigen Hobbiton-Dinner (Gönn‘ dir das bitte, falls du mal da bist, es war der Hammer!) am Vorabend. Der Nachfolger war eine French-Press. Die war aus Glas und das ist für Backpacker irgendwie auch nix. Wir trinken nach 6 Monaten nun löslichen Kaffee, so weit ist es gekommen…

Saskia wurde in Australien eine Jeans-Shorts, Johann seine Lieblings-Sweatjacke geklaut, als wir diese auf einem Campingplatz zum Trocknen auf die allgemeine Wäschespinne gehangen haben. Überhaupt scheinen öffentliche Wäschereien ein Bermuda-Dreieck für Socken zu sein, ständig sind es weniger bei der Rückgabe. In El Calafate, Argentinien haben wir zwei Microfaserhandtücher im Hostel vergessen. In Potosí, Bolivien war dann auf einmal Johanns Nalgene-Flasche weg. Seine Bartbürste ist auch noch irgendwo in Bolivien. Dort hat bis jetzt kein einheimischer Mann einen Bart, falls es in Kürze bei einem dazu kommen sollte, hat der wohl eine Bartbürste gefunden. Im Großen und Ganzen war nichts Unersätzliches dabei. Wir haben noch unsere Technik, unsere Reisepässe und auch sonst alles wirklich Wichtige. Wir versuchen uns emotional nicht so an unsere materiellen Gegenstände zu ketten, das ist wahrscheinlich des Rätsels Lösung. Bei so vielen Ortswechseln wie auf einer Weltreise, kann man den ein oder anderen Verlust wohl nicht vermeiden. Wir versuchen immer alles in maximal zwei Gepäckstücke pro Person zu bekommen, da erspart man es sich, auf zu viele Sachen aufpassen zu müssen. Das funktioniert eigentlich ganz gut. Eigentlich.

13 verpasste Geburtstage

Bei all den wunderbaren Sachen, die wir rund um die Welt seit einem halben Jahr erleben dürfen, gibt es doch die ein oder andere Minute, in der wir ein wenig wehmütig an Deutschland denken. Ganz vorne dabei sind Geburtstage von Familie und Freunden, an denen wir nur virtuelle Umarmungen verteilen können. Ganze 13 Mal haben wir Facetime, Skype und WhatsApp schon bemühen müssen, weil wir auf der anderen Seite der Erdkugel saßen und den Geburtstagskuchen nicht persönlich vorbei bringen konnten. Neben den Geburtstagskindern haben wir an solchen Tagen dann tatsächlich auch das gute deutsche Essen vermisst. Auch wenn wir damit das übelste Klischee eines Weltreisenden erfüllen: nirgendwo haben wir bisher so gutes Brot wie in der Heimat gegessen, irgendwie scheint es außerhalb Deutschlands ernsthafte Krustengegner zu geben. Und wusstest du, dass Kuchen auch so etwas wie eine deutsche Spezialität zu sein scheint? Ab und an entdecken wir bei kleinen Konditoreien hier in Südamerika neben den grandiosen, aber leider völlig überzuckerten Torten ein Stück Marmorkuchen – es gibt kaum etwas besseres, um ein paar Sekunden unsere heimischen Geschmacksnerven wiederzubeleben. Bisher nimmt das Heimweh noch keinen allzu großen Stellenwert bei uns ein, wir brennen immer noch jeden einzelnen Tag für das Reisen, genießen die Momente in der Fremde und freuen uns auf all die Ziele, die wir auf dieser Reise noch besuchen wollen.

Sechs Monate Weltreise: Unser Zwischenfazit

Das war unser kleiner Einblick für dich in unsere bisherigen sechs Monate auf Weltreise. Auch wenn es natürlich ein Klischee ist, kommen wir nicht umhin zu sagen: „Die Zeit rast!“. Es kommt uns beiden wie gestern vor, dass wir den schwierigen Abschied hinter uns gebracht haben und in den großen Flieger auf die Südhalbkugel gestiegen sind. Tatsächlich haben wir aber bereits so viel erlebt, so viele wunderbare Menschen kennengelernt und so viele schöne Momente mit alten und neuen Freunden geteilt, dass die Erinnerungen kaum in gerade einmal sechs Monate zu passen scheinen. Wir sind reisehungrig wie eh und je, jeder neue Tag bringt uns neue Ideen, wo es als nächstes, übernächstes und überübernächstes hingehen soll. Daher freuen wir uns auf die kommenden (hoffentlich mindestens) sechs Monate Weltreise und irgendwann dann vielleicht sogar eine reisemüde Rückkehr.

2 Comments to "Sechs Monate Weltreise – ein Zwischenfazit"

  1. Antworten Nicole von PASSENGER X 7. Juli 2017 at 14:07

    Hey ihr beiden!
    Das ist wirklich ein großartiges Fazit. Schöne Idee, das ganze in einer Art Statistik aufzubereiten und dann auch noch verdammt gut geschrieben. Ich musste wirklich oft schmunzeln (das Bermuda Dreieck in der Wäscherei) oder auch laut lachen (die Tatsache, dass ihr euch jetzt doch Patches auf die Rucksäcke klebt und die Geschichte zum Kaffeekocher) und konnte auch vieles nachempfinden (das Traurigsein über verpasste Geburtstage). Danke für’s Teilhaben lassen!

    Und vielleicht habt ja Lust, für ein Interview auf PASSENGER X bereit zu stehen. Eure erfrischende und authentisch ehrliche Art würde verdammt gut in meine Sabbatical/Reise Serie passen.

    Safe travels und viel Spaß wo auch immer ihr gerade steckt

    Nicole von PASSENGER X

    • Saskia&Johann
      Antworten Saskia&Johann 8. Juli 2017 at 21:00

      Hallo Nicole,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Für ein Interview stehen wir dir natürlich sehr gern zur Verfügung.

      Liebe Grüße aus Peru,

      Saskia

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